GEGEN INTERPRETATION
"Heute erleben wir eine solche Zeit, in der interpretatorische Unternehmungen größtenteils reaktionär, stickig sind. Wie die Abgase der Autos und der Schwerindustrie, die die Luft der Städte verunreinigen, vergiftet heute der Strom der Kunstinterpretationen unser Empfindungsvermögen. In einer Kultur, deren bereits klassisches Dilemma die Hypertrophie des Intellekts auf Kosten der Energie und der sensuellen Begabung ist, ist Interpretation die Rache des Intellekts an der Kunst.
Mehr noch. Sie ist die Rache des Intellekts an der Welt. Interpretieren heißt die Welt arm und leer machen - um eine Schattenwelt der "Bedeutungen" zu errichten. Es heißt, die Welt in diese Welt verwandeln. ("Diese" Welt! Als ob es eine andere gäbe).
Die Welt, unsere Welt, ist leer und verarmt genug. Weg mit all ihren Duplikaten, bis wir wieder unmittelbar erfassen, was wir haben."
(Aus: Susan Sontag, Kunst und Antikunst, Seite 15ff, Fischer Taschenbuch, 6. Auflage, Oktober 2003. Susan Sontag ist Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2003)
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